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Blog: sich mit dem Maß anderer Messen? Wenn, dann richtig!

Bereits als Kinder haben wir Vorbilder, zu denen wir Aufsehen. Zuerst wohl die Eltern. Für Kinder sind Eltern Götter. 

Das ist gut so, wenn man bedenkt, dass gute Eltern ihr gewohntes Leben aufgeben um alles dem Kind als Maßstab unterzuordnen. 

 

Aber nicht selten sind an diesem Dienst der uns erwiesen wird, Bedingungen geknüpft, die nicht immer Leistungsunabhängig sind.

  

In manchen Hinsichten sind wir unser ganzes Leben unbewusst damit beschäftigt, die Erwartungen, die uns von Familie und Gesellschaft aufgebürdet wurden, zu erfüllen! 

 

Als Kind sah ich es natürlich anders, aber viele von diesen Erwartungen sind sinnvoll und berechtigt und bereiten uns auf ein Leben in einer sozialen Zivilisation vor. 

 

Tatsache ist, dass wir manchmal versuchen gegen alle Vernunft und Neigung, weil es unserer Konditionierung entspricht, Erwartungen zu erfüllen die unerfüllbar sind, oder die uns daran hindern, schmerzlos "Ich" zu sein. 

 

Das sind Muster, die wir schon deswegen nicht loswerden, weil uns ihre Absurdität gar nicht Bewusst ist. So gewohnt, wie der Ton des eigenen Herzschlags wir nehmen ihn nicht mehr wahr! 

 

Als hochkomplexe Systeme sind Menschen instabil und Fehleranfällig.  

  • Großartig wenn es um schnelle unkonventionelle Lösungen geht.
  • Verehrend, wenn es um das geht, was man als innersten Seelenfrieden bezeichnen könnte.  

Wichtig, dann die Balance zwischen Beidem bestimmt letztendlich unsere Lebensqualität! 

 

Wie herausfinden und filtern, was sinnvoll und was längst schädliche Gewohnheit, Ritus, ist? 

 

Wir werden umso öfter scheitern, je weiter unsere Neigungen und Talente von den Erwartungen unserer Vorbilder entfernt sind. 

 

Hinterfragen im sozialen Kontext? 

 

Geht das überhaupt? Oder ist es dann wie bei Möwe Jonathan, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, weil sie auf dem Rücken gleiten konnte? 

 

Der Mensch als soziales Wesen. 

 

Unsere Evolution hindert uns daran, unser Selbstbewusstsein, unser "Ich"-sein, isoliert auszuleben. Wir brauchen andere Personen dazu. 

 

Unsere soziale Prägung verlangt uns die Kompatibilität zur Gemeinschaft ab, die uns schlimmstenfalls verstoßen wird, wenn wir ihren grundsätzlichen, unausgesprochenen Regeln selbstbewusst entgegentreten! 

 

Dies kann von schlichtem "Herabsehen" bis zu Hexenverbrennung reichen. 

 

In den USA gab es tatsächlich Gesetze, Die Hässlichkeit, insbesondere bei Behinderung und Entstellung verboten. 

 

Sie sind historisch bekannt als die sogenannten "Ugly Laws" (hässliche Gesetze) oder "Unseemly Beggar Ordinances" (unwürdige Bettlerverordnungen). 

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, (bedenkt, in der Zeit der Frühindustrialisierung in Kraft. Die Stadt San Francisco war eine der ersten, die am 9. Juli 1867 eine solche Verordnung erließ. 

 

Inhalt des Gesetzes: 

 

Diese Gesetze zielten darauf ab, arme Menschen und Menschen mit sichtbaren Behinderungen oder Entstellungen aus dem öffentlichen Raum zu entfernen.

  

Sie machten es strafbar, sich in der Öffentlichkeit sehen zu lassen, wenn man "krank, verstümmelt, verkrüppelt oder in irgendeiner Weise entstellt" war (oder ähnliche Formulierungen). 

 

Folgen: 

 

Bei Verstößen drohten den Betroffenen Geldstrafen oder die Haft im Gefängnis, bis sie in ein Armenhaus ("poor house") oder auf eine Arbeitsfarm gebracht werden konnten. 

 

Das Ziel war, diese Menschen aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu verbannen. 

 

Verbreitung: 

 

Solche Gesetze existierten in verschiedenen Städten quer durch die USA, darunter Chicago, Denver, Lincoln, Columbus und Portland.  

 

Erst sehr spät, als Teil der wachsenden Bürgerrechtsbewegung für Menschen mit Behinderungen wurde es in den USA, endgültig abgeschafft. (ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren). Das letzte bekannte "Ugly Law" wurde erst 1974, in Chicago, aufgehoben. 

 

Diese Gesetze zeigen auf, wie gefährlich es sein kann, nicht den Normen zu entsprechen. 

 

Natürlich gäbe es auch hier, wie immer, Alternativen. Wenn meine spezielle Eigenheit der Gemeinschaft keinen Schaden zufügt, sondern nur nicht Akzeptiert wird, kann ich die Gemeinschaft wechseln. 

 

Aber was sich so leicht dahinsagt ist vielen nicht möglich, nicht vorstellbar. 

 

Ich denke, jemand dem es leichtfällt, seine Familie zurückzulassen, wuchs wahrscheinlich in einem hochtoxischem Umfeld auf. Ich hoffe sehr, das sind nur wenige unter uns! 

 

Auch ohne Gesetze 

 

Die Angst vor dem Ausschluss ist so tief in uns verwurzelt, dass wir die Mauern des Gefängnisses nicht im Gesetzbuch suchen, sondern im eigenen Kopf errichten. 

 

Die "Ugly Laws" von 1867 sind glücklicherweise Geschichte, aber die inneren, ungeschriebenen Gesetze, die uns zur Konformität zwingen, sind noch aktiv. Sie flüstern uns täglich ein, welches Maß wir erfüllen müssen, um nicht wie Möwe Jonathan verstoßen zu werden. 

 

Der erste und schwierigste Akt des Widerstands ist daher nicht der Bruch mit der Gesellschaft, sondern die radikale Ehrlichkeit uns selbst gegenüber: 

 

Welche dieser jahrzehntelang internalisierten Erwartungen gehören wirklich zu unserem "Ich" und welche sind nur der Echo von gestern, der uns unseren Seelenfrieden raubt?

 

Schon alleine diese Muster zu identifizieren fällt schwer. 

 

Wir alle sind letztendlich in eigener Sache betriebsblind. 

 

Darum werden wir nur dann in der Lage sein, objektiv Nutzen und Schaden einer Verhaltensänderung für uns und unsere Umwelt festzustellen, wenn wir Vergleichswerte haben. 

 

Darin liegt wohl eine der größten Herausforderungen der sich ein Mensch stellen kann. 

 

Um das zu erreichen, müssen wir auch andere Gruppen, Kulturen und Schichten kennenlernen und bereit sein, Toxizität zu erkennen und soweit möglich abzulehnen und zu umgehen. 

 

Vorsicht! Manchmal hat man keine bessere Wahl.

 

Wenn eine Gemeinschaft bereits beschloss, uns zu Außenseitern zu machen, dann wird nichts, das wir tun, jemals gut genug sein um uns wieder einen Platz in der Mitte zu verleihen. 

 

Einem hässlichen Entlein wird letztendlich auch keine andere Wahl bleiben, als sich den Teich zu suchen, in dem es als Schwan erkannt wird. Aber davon in einem anderen Blog. 

 

In vielen anderen Fällen hilft Kennenlernen und das Erweitern der eigenen Komfortzonen. (Darauf geh ich jetzt nicht ein...da gibts bereits einen Blog: "Meine Komfortzone ist kein Käfig. Sie ist mein Garten – und ich brenne sie nicht nieder!") 

 

In vielen Fällen ist es nicht möglich zu fliehen, und auch nicht nötig. Stellt euch vor, es ist wie beim Wandern mit Rucksack. Wenn er falsch eingestellt ist, scheint er uns schwer und drückt. 

 

Ab und zu müssen wir nur teils Jahrhunderte alter Narrative hinterfragen und auf ihre Richtigkeit prüfen. 

 

Deren gibt es so viele wie es Menschen gibt. So unsinnig sie auch sein mögen, sie halten sich hartnäckig und bilden den Grundstock, auf den Erwartungen aufbauen. 

 

Um keine Gefühle oder kulturelle Grenzen zu treten führe ich hier nur Beispiele auf, die mir selbst kulturell und moralisch nicht fragwürdig erscheinen. 

 

Immer wenn damit argumentiert wird, dass man dieses oder jenes macht, oder nicht macht, ist in der Regel ein Narrativ zu entdecken, dass es zu hinterfragen gilt. 

 

Wie entlarvt man Narrative? 

 

Eine einfache, treffsichere Möglichkeit ist die Frage:  

  • Wer hat was davon?
  •  Bin ich es, ist es die Mehrheit oder eine Elitäre Minderheit?" 

 Eine andere Möglichkeit ist die Frage: 

 

Was bin ich bereit zu opfern um zu erreichen was von mir erwartet wird? 

 

Wenn diese beiden Fragen – wer profitiert? und was opfere ich?  uns die Absurdität eines Narrativs enthüllen, stehen wir vor dem schwierigsten Schritt: 

 

Der Umgang mit der gewonnenen Wahrheit. 

 

Eine Erkenntnis allein löst kein Muster auf, denn sie sind tief im limbischen System verankert. (Das limbische System von lateinisch Limbus „Saum“, ist eine Funktionseinheit des Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient.  https://de.wikipedia.org/wiki/Limbisches_System). 

 

Manche Narrative graben sich tief in unser Gehirn ein. 

 

Nun ist guter Rat teuer! 

 

Nicht weil ich von Euch für diese banale Erkenntnisse etwas verlangen würde, sondern weil diese neuen Erkenntnisse uns immer wieder vor neuen Herausforderungen stellt. 

  • Jedes Mal, wenn ein altes Narrativ fällt, öffnet sich vor uns eine offenere, weitere Welt, der mit einer Idee mehr Selbstwert und Selbstbewusstsein eigenverantwortlicher als vorher, stellen müssen.
  • Mit jedem aufgedecktem falschem Narrativ wird das Leben ein bisschen mehr unser eigenes. Aber das ist anstrengend.

Wir wissen, dass der Rucksack drückt und falsch eingestellt ist. Ihn abzusetzen bedeutet, das gewohnte Gewicht, die gewohnte Sicherheit der Konformität zu verlieren. 

 

Wie geht man also damit um, wenn man erkennt, dass man einem fremden Maßstab dient? 

 

Die Trauerarbeit leisten: 

 

Zuerst müssen wir anerkennen, dass die Investition von Energie in dieses alte Muster nicht umsonst war. Es ist, wenn auch veraltet, ein hinreichend nützlicher Überlebensmechanismus. 

 

Wenn wir jedoch erkennen, dass er nur eine Illusion war, ein Spiel das nur scheinbar schützt, langfristig aber verkrüppelt, trauern wir um die Illusion der Sicherheit und die verlorene Zeit. Das ist schmerzhaft, aber notwendig, um den alten Pfad emotional zu verlassen. 

 

Das Maß neu definieren: 

 

Wir müssen unser eigenes "Ich", mit all seinen Fehlern annehmen, aber endlich auch sehen, wo unsere Stärken liegen und auch diese mit Verantwortung und klarer Sicht auf ihren Wert, annehmen. 

 

Das neue Maß das wir für uns selbst erreichen wollen, kann nur ein Abgleich zwischen unserem Fähigkeiten, Neigungen, Talente, Seelenfrieden und der äußeren Verantwortung gegenüber unseres sozialen Umfeldes sein. 

 

Regelmäßigkeit bewirkt mehr, als viel, aber selten: 

 

Die Welt wird sich nicht über Nacht ändern, nur weil wir ein Narrativ erkannt haben. Der Umgang mit der Erkenntnis ist eine Frage der täglichen, kleinen Dosen. 

 

Wir beginnen nicht damit, den Rucksack komplett zu leeren und in die Wildnis zu gehen. 

 

Wir können es wie beim Wandern machen. Wir lockern einen Gurt und überprüfen eine Erwartung nach der anderen. Grad so schnell, wie es uns, bei dem jeweiligem Entwicklungsstandard, möglich ist. 

 

Jede Überprüfung kann uns einen neuen Blick auf uns selbst und die Welt eröffnen und uns neue, gehobene Lebensqualität bescheren. 

 

Wenn wir uns dennoch am Maß anderer messen, dann, um festzustellen, ob das eigene Maß das Richtige ist, oder "nachjustiert" werden sollte. 

 

Es ist nicht falsch ein Vorbild zu haben. Aber es ist falsch, einem Vorbild wegen der falschen Narrativen und Riten, die mehr schaden als nützen, nachzueifern.

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