Die LinkedIn News Redaktion fragt regelmäßig Expert:innen nach ihrer Meinung zu aktuellen Diskussionsthemen.
Diesmal geht es darum, wie Neujahrsgrundsätze wirklich gelingen könnten.
Ihr kennt mich. Das reichte und mein Gehirn begann zu rattern.
Was für eine Frage? Indem man tut, was man sich vornimmt...
ist eine Antwort die hier niemand von mir erwartet. Ganz einfach weil ihr wisst, dass ich weiss, dass es sooo einfach nicht ist.
Aber bevor wir erfassen können ob ein Vorsatz schwer oder leicht zu erfüllen ist, sollten wir erst mal definieren, um was genau es hier geht.
Neujahrsvorsätze... Nutzen und Schaden alter Traditionen
Genaugenommen sind Neujahrsvorsätze die Überreste längst vergessener, einst heiliger Traditionen. In Nordischen Religionen war es für Krieger üblich, zu Zeiten des Jahreswechsels Gelübde abzulegen. Dabei wurden nicht immer nur friedvolle Pläne geschmiedet. Rache konnte durchaus die Grundlage eines Eides sein.
Doch egal wie schwerwiegend oder oberflächlich der Schwur auch war, ihn nicht zu erfüllen kostete die Ehre, mitunter das Leben.
Anbetracht dessen verändert sich schlagartig die Wertigkeit des Neujahrsvorsatzes, mit dem heute, wie mit so vielem, inflationär umgegangen wird.
Was meinst Du, sei ehrlich! Stell Dir folgendes Szenario vor:
Du hast beim großem Fest im Langhaus lauthals verkündet, von nun an, Bei Deiner Ehre, keine Zigarette mehr anzufassen. (Bei Zigaretten brauchen wir nicht noch hinzufügen, das eine falsche Entscheidung das Leben kosten kann.)
Wenn Du wüsstest, niemand nimmt Dich mehr ernst, wenn Du Dich nicht mal an Versprechen hältst, die Du Dir selbst gabst?
Würdest Du Deinen Vorsatz dann noch immer lauthals verkünden?
Würdest Du, was immer Du gerne erreichen willst, nicht erst mal gründlich durchdenken und die Wahrscheinlichkeit der Erfüllung sicherstellen?
Zudem, sind wir uns nicht zu schade, um leichtfertig etwas geloben, das rational betrachtet unhaltbar ist?
Sachen wie:
- Dieses Jahr nehme ich ab!
- Diese Jahr höre ich zu trinken auf.
- Von nun an begrenze ich meine tägliche Handyzeit
- Von nun ab gehts 1 x die Woche ins Sportstudio.
Ich könnte diese Liste endlos fortführen und ohne genauere Prüfung sicher sein, dass, wenn all das Jahre vorher nichts wurde, es dann dieses Jahr auch wieder nicht klappen wird.
Warum scheitern diese Vorsätze Jahr für Jahr?
Wenn es um Wünsche geht, dann funktionieren Menschen nicht objektiv bedürfnissorientiert, sondern wenden verschiedene Datenverarbeitunssystem an, die die eigentlichen, dahinter stehenden Bedürfnisse verfälschen.
Diese Filter können wir mit gezielten Fragen identifizieren:
Sind das MEINE Wünsche, oder gesellschaftliche Erwartungen, die sozial so anerkannt sind, dass ich nicht mehr hinterfrage. ob sie wirklich meinen Bedürfnissen entsprechen.
Sind meine Wünsche unrealistisch (Nikotin = Heroin-Level)? Kann ich sie wirklich wie Ziele verfolgen, oder handelt es sich lediglich um Wunschvorstellungen, die zumindest auf die geplante Art nicht zu erreichen sind?
Ignorieren ich, wenn ich mir diese Goals stecke, zugunsten sozialer Anerkennenung, wer ich wirklich bin, nach dem Motto "in der Masse kann man jeden Blödsinn mitmachen?"
Das vorprogrammierte Scheitern
Die Ursachen hierfür sind Vielfältig, und dennoch lassen sie sich auf einige wenige Punkte extrahieren...
Jedes Mal, wenn ein Vorsatz unerfüllt bleibt, schadet er uns mehr, als er hätte Nutzen erbringen können.
Was passiert mit uns, wenn wir uns wiederholt selbst betrügen?
- Einbußen des Selbstwertes
- Mehr Selbstzweifel
- Herangezüchtete Zukunftsängste
- Die schleichende Entfremdung vom eigenen Instinkt
- Ein Gefühl des Getrieben seins und sich beweisen Müssens.
Was könnten wir besser machen?
Wir können für unsere Entscheidung Verantwortung übernehmen und zu uns selbst gütig sein. Dazu genügt es, wenn wir uns ein paar einfache Fragen stellen:
Ist es wirklich mein Wunsch?
Oft wird eigenes Wünschen mit sozialen Erwartungen verwechselt. Es ist normal zu heiraten, Kinder zu bekommen, ein Haus zu begehren, sich auf bestimmte Art zu kleiden.
Ist dieser Vorsatz realistisch und machbar?
- Will wirklich ich abnehmen, oder fühle ich mich wohl wie ich bin?
- Kann ich wirklich drei Liter Wasser am Tag trinken, oder sollte ich lieber sagen, o.k., nur zweieinhalb Liter und unterschiedliche Getränke.
An diesen beiden Prüfpunkten zerschmettern schon viele Wünsche. Doch lasst uns weitersuchen.
Wie viel nehmen wir uns vor, weil es gerade im Trend liegt, unabhängig davon ob sich in mir Widerwille regt?
Zum Beispiel:
Selbstoptimierung um jeden Preis
Bitte, versteht mich nicht falsch! Ich halte Sport und Bewegung für extrem wichtig und vermisse, was zu tun wegen Alter und Krankheit nicht mehr ohne weiteres möglich ist.
Aber ich weiß auch, dass das nicht jedermanns Sache ist. Selbstoptimierung erschöpft sich nicht in Sport!
Warum sollte jemand für den Essen Lebensqualität bedeutet und dessen Übergewicht noch nicht in medizinisch bedenklichem Bereich ist, die kostbaren Stunden die er nicht mit Arbeit verbringt, damit vertun, sich einem Mainstream anzugleichen in dem das Individuum untergeht?
Schlimm finde ich auch diesen oft gebrauchten Spruch: "Ich werde diese oder jene Person öfter anrufen"
Sorry, aber auch das ist unrealistisch! Wenn ich mich dazu zwingen muss, es mir "fest vornehmen muss" mich bei jemandem zu melden, dann stimmt was nicht!
Nach allem was wir aus meine anderen Blogs über Prokrastination und inneren Schweinehund wissen, können wir in so einem Fall getrost davon ausgehen, dass unser innerer Schweinehund uns vor etwas schützen will. In diesem Fall wäre der hilfreichere Vorsatz, zu ergründen, warum uns Kontakt zu einer leidigen Pflicht wurde?
Bereits anhand dieser wenigen Beispiele und Betrachtungen wird klar, Arthur Schopenhauer hatte recht, als er behauptete:
"Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will."
Natürlich können wir uns Vorsätze wählen die uns überfordern, oder gegen unsere Natur sind. Allerdings sollten wir uns dann auch im Klaren darüber sein, was wir uns mit diesen unpassenden Vorwürfen antun.
Nicht nur, dass wir, selbst in wohlwollender Umgebung, an Glaubwürdigkeit einbüßen, wenn wir zum x-ten Mal in Folge einen unhaltbaren Vorsatz verkünden.
Wir beginnen damit auch unseren eigenen Selbstwert zu demontieren. Je öfter wir scheitern, umso mehr werden wir an uns zweifeln. Und je mehr wir zweifeln, um so schwerer wird es werden, die eigenen Anforderungen zu erfüllen.
Darum ist die wirkliche und eigentliche Frage nicht, "wie gelingen meine Neujahrsvorsätze?"
Sondern
Welche Neujahrsvorsätze machen für mich wirklich Sinn? Was will ICH SELBST an mir verbessern?
So wie es keinen Sinn macht einem Fisch lehren zu wollen auf einen Baum zu klettern, macht es für uns keinen Sinn, uns Dinge vorzunehmen, weil es gerade IN ist, oder alten, ungeprüften Narrativen entspricht.
- Nicht jeder muss Idealgewicht haben um sich wohl zu fühlen.
- In einen Rock den ich mit zwanzig trug mit vierzig noch tragen zu wollen ist kein hehres Ziel, das ist in den meisten Fällen Selbstbetrug der natürliche Entwicklungen ignoriert.
Rauchen aufhören? Einfach so?
Bei Nikotin reden wir von einer Substanz, deren Suchtpotenzial wissenschaftlich auf einer Stufe mit Heroin steht.
Wenn man das weiß, wirkt der "lockere" Neujahrsvorsatz ("Ich hör mal eben auf") plötzlich wie der Versuch, einen Ozeandampfer mit einem Paddel zu stoppen.
Lasst uns aufhören, uns Neujahrsvorsätze vorzunehmen die letztendlich vor allem eines bewirken! Uns langfristig Mut und Selbstachtung zu nehmen!
Wir können es uns erlauben, individuell zu sein. Mit all unseren kleinen Fehlern.
Eine gesunde, fortschrittliche Gesellschaft braucht Vielfalt um überleben zu können. Statt uns mit Anforderungen die für uns weder erfüllbar sind, noch unsere Lebensqualität langfristig heben zu verausgaben, könnten wir in das investieren, das uns gegeben ist.
Oder wir wagen es, und wählen vielleicht die schwerste und beste Lösung:
Wir akzeptieren uns, auch wenn wir zu klein für unser Gewicht sind.
- Statt uns selbst zu quälen, bitten wir einen Arzt um Unterstützung, um Rauchen aufzuhören.
- Warum machen wir nicht einen Sport, der uns wirklich liegt? Vom Kegeln hin zu Bauchtanz und Yoga ist alles Sport.
- Und wenn Sport nun mal gar nicht mein Ding ist? Na ja. Wir können uns auch durch ein Museum oder im Tanz bewegen.
- Ganz ehrlich! Es muss nicht immer nur der Körper sein, den man optimieren könnte. Ab und zu schadet auch ein Buch nicht.
Vorsätze der anderen Art:
Ehrlich, habt ihr schon mal gehört, dass sich jemand vornimmt, "dieses Jahr werde ich mindestens drei Mal am Tag laut auflachen?" (Ich finde das wär ein toller Vorsatz. Solle er in Betracht gezogen werden, empfehle ich für Anfänger Douglas Adams oder Stanislav Lem)
oder
Ich werde mir mindestens einmal im Monat zwei Stunden lang nichts anderes tun, als mir Zeit zu nehmen, um meine Wünsche und Ziele zu überprüfen und nachzujustieren.
Lasst uns endlich damit aufhören, Energie in Programme (Vorsätze) zu stecken, die nicht zu unserem wahren Wollen passen. Wer sich selbst belügt, zerstört seinen eigenen Wert.
Denn seien Wir uns mal ganz ehrlich! Sind nicht sicher auch die Schwächsten unter uns viel zu gut für schlechte Vorsätze?
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