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Warum kennt niemand das schönste Gesetz Deutschlands, oder warum Würde kein Belohnungssystem ist und wir eine neue Würdekompetenz brauchen.

Kürzlich konnte ich hier einen sehr interessanten Artikel über Würde auf Linkedin gelesen, den ich sehr anregend fand, denn er hinterfragt das Thema Würde aus einer Position die mir fremd ist.

 

(https://www.linkedin.com/posts/klaus-eidenschink-4180a292_wozu-gef%C3%BChle-teil-72-kr%C3%A4nkung-w%C3%BCrde-share-7428008975415058432-m_C6?utm_source=social_share_send&utm_medium=android_app&rcm=ACoAAFWpJ5sB1dCn26EUlNv38cqTWsSgI0MOI8I&utm_campaign=copy_link) 

 

Der Autor des anderen Blogs, Herr Klaus Eidenschink greift das Thema von einer Perspektive her auf, die mir unlogisch erscheint. Fast frage ich mich, möchte er hier nur zum Denken anregen? 

 

Ich weiß es  nicht. Aber zumindest sehe ich mich animiert, auch meine Position darzulegen und die Diskussion, die mir längst überfällig scheint, aufzugreifen. 

 

Wenn ich diesen Artikel richtig verstanden habe, wird in dem besagtem Blog im Kern beschreiben, wie unangemessen es ist, wenn Verletzte Würde einfordern. Das wird als problematisch wahrgenommen und als überempfindlich empfunden. Ferner unterstellt der Autor anscheinend, dass das Einführen von ethisch engeren Grundregeln die Konflikte mehr blockiere als löse. 

 

Für mich ist das eine klassische Umkehrfigur:  

  • Verletzung wird zur Überempfindlichkeit
  • Würde wird zur Moralkeule 
  • Kränkung wird zur Manipulation 
  • Schutz wird zur Schwäche 
  • Grenzziehung wird zur Unreife  

In diesem Artikel, ich könnte mich täuschen, wird Würde problematisiert, weil sie als: 

  • moralisch verdächtig,
  • philosophisch leer,
  • konfliktverdeckend
  • selbstkritikvermeidend

darstellt wird. 

 

Der blinde Fleck 

 

Wenn Würde als „Überempfindlichkeit“ geframt wird, verschiebt sich Verantwortung von der Struktur auf das Individuum. 

 

Hier wird die Realität weg vom Täter/Struktur hin zum Opfer, verschoben. Das hilft nur dann, wenn man nicht bereit ist strukturelle Änderungen vorzunehmen um das System nicht ändern zu müssen. Lieber wird der durch geschichtliche Parallelen wahrscheinliche Zusammenbruch einer evolutionär soziale gewachsenen Gemeinschaft in Kauf genommen.

  

Das Problem: 

 

Er fragt, ob Cersei (Game of Thrones) ein Recht auf kränkungsfreie Behandlung habe. 

 

Ich finde, das ist der Denkfehler. 

 

Wenn Würde an "Verhalten" gekoppelt wird, ist sie kein Grundrecht mehr, sondern eine Belohnung. Das ist das Ende der Würdekompetenz. 

 

Mehr noch. Mit dem setzen derartiger Narrative löst er die schützende Grenze auf, die das Gesetz und der Gesellschaftsvertrag bietet. 

 

Aber warum urteile ich hier so rigoros? Ich muss meine Stellungnahme selbst hinterfragen.  

  • Was ist Würde überhaupt? 
  • Kann ich Würde erlangen? 
  • Muss und kann ich mir Würde verdienen? 
  • Wo steht geschrieben, das uns Würde schon deshalb zustehen könnte, weil wir empfindende Lebewesen sind?  

Die einfachste Antwort: Das deutsche Grundgesetz 

 

Um abzuklären, was Würde ist und wie sie definiert wird, mache ich mir nicht selbst Gedanken, sondern greife auf die Arbeit wesentlich klügerer Köpfe als dem meinen zurück. Den Vätern des Deutschen Grundgesetzes. 

 

Das wichtigste Dokument Deutschlands:

  

Diese ersten 20 Artikel dieser Zusammenfassung der grundlegenden Menschenrechte und deren klare Definition bestechen nicht nur durch ihre leichte Verständlichkeit, sondern auch durch ihre fraglose Eindeutigkeit. 

 

Das deutsche Grundgesetz ist unbestreitbar das wichtigste Dokument, das Deutschland zu bieten hat. 

 

Der Inhalt dieses Dokumentes macht Deutschland trotz vieler Dinge die noch verbessert werden sollten, um den Bürgern gerecht zu werden, zu einem der lebenswertesten Länder der Erde. Nicht in allen Ländern ist Menschenleben in gleichem Maße Wert und geschützt. 

 

Die Unantastbarkeit der Würde als Grundlage 

 

Ja, Würde wird manchmal als Keule benutzt. Und trotzdem: Art. 1 GG macht Würde zum Grundrecht. Hier wird unmissverständlich klargelegt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist! 

 

Hier heißt es nicht, "Ihr musst bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um ein Recht auf Würde" zu erringen, 

 

sondern

 

Wir haben ein unveräußerliches Recht darauf!"

 

 

Würde, UNSERE Grundrecht, und keiner weiß es? 

 

Der eine oder andere von uns wird nun unwillig den Kopf schütteln. Wie kann sie nur davon ausgehen, dass wir unsere verbrieften Rechte nicht kennen?

  

Jeder weiß doch, dass dieses Gesetz für alle gilt, egal ob arm oder reich, stark oder schwach, Mann oder Frau, klug oder weniger klug, alt oder jung, krank oder gesund? 

 

Während meiner langen, beruflichen Tätigkeit durfte ich gelegentlich, unter Zuhilfenahme von vom Amt für politische Bildung kostenlos zur Verfügung gestellten Unterlagen, Teilnehmer unterschiedlichster Herkunft und sozialer Ebene, mit Demokratie und Grundgesetz vertraut machen. Dabei zeigte sich immer wieder mit erschreckender Klarheit, dass auch die Unkentmtmoss der eigenen Rechte Klassen und standesübegreifend ist.

 

Was bedeutet "unveräußerliches Recht"? 

 

Selbst wenn wir, aus welchen Gründen auch immer, keinen Wert auf dieses Recht legten, oder diesem Wert keinen Ausdruck geben könnten, könnten wir es nicht einfach loswerden. Wir könen es weder verkaufen noch darauf verzichten. 

 

Im Gegenteil! In Artikel 20 Dieser Ansammlung von Menschenrechten- und Pflichten in Deutschland garantiert Artikel 20 des Grundgesetzes Abs. 4 "das Recht eines jeden Deutschen, gegen jeden Widerstand zu leisten, der es unternimmt, die dort in Abs. 1 bis 3 niedergelegte Verfassungsordnung zu beseitigen, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." 

 

Aber selbst im Falle von Gefangenschaft ist juristisch gesehen die Menschenwürde (Art. 1) absolut. Man kann sie gar nicht Vollständig verwirken, selbst wenn man die Freiheit verliert. 

 

Wenn Würde als „Überempfindlichkeit“ geframt wird, verschiebt sich Verantwortung von der Struktur auf das Individuum? 

 

Am besten, wir schauen uns hierzu gleich den Originaltext ein bisschen an. Solltest Du momentan nicht wissen wo Du es hingelegt hast, keine Sorge, Du kannst gleich hier einen Blick riskieren:  

https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/bpb_Grundgesetz_DE_2025.pdf

  

Ich stelle jetzt einfach mal die Behauptung in den Raum, das Würde nicht von Moral abhängt. 

 

Während Würde ein Begriff ist, der allein ethischen Grundlagen entspricht, ist Moral von der jeweiligen sozialen Gemeinschaft abhängig, innerhalb derer sie als Regel in der jeweiligennForm von der Gemeinschaft akzeptiert wird.

 

 

Würde ist kein moralischer Anspruch, sondern eine Beziehungsgrundlage. 

 

Würde bedeutet nicht absolute Kränkungsfreiheit, Würde bedeutet nicht, dass niemand verletzt wird, sondern dass Verletzung nicht instrumentalisiert wird.  

 

Würdekompetenz Die Fähigkeit, Konflikt ohne Entwürdigung zu klären. 

 

Wie ich bereits in einem anderen Blog darlegte, halte ich ein angemessenes Maß an Veto für systemerhaltend. (https://www.coaching-gabriele-tiefenthaler.com/2026/02/15/systemischer-widerstand-gegen-druck-und-%C3%BCberlastung-oder-warum-uns-druck-formt-aber-%C3%BCberm%C3%A4%C3%9Figer-druck-bricht/) 

 

Ich möchte betonen, es geht hier Nicht um Harmonie, Nettigkeit, oder Schonung, sondern um die Frage, wo wir im Umgang miteinander noch an uns als Gesellschaft arbeiten sollten, aber auch darum, wo uns diese Haltung selbst potentielles Leid zufügt. 

 

Wann leidet Würde? 

 

Würde ist ein zartes Gut das immer dann gefährdet ist, wenn Profitstreben in den Vordergrund tritt. Ich denke hierbei nicht nur an das Berufsleben in einem Land, in dem Mobbing ein ernsthaftes, von der Politik nahezu unbeachtetes Problem darstellt. 

 

Wenn das System (Schule/Firma) kein Veto gegen diese Grausamkeit einlegt, bricht die fraktale Kette der Empathie, die für den reibungslose Zusammenhalt einer Gesellschaft essentiell ist. 

 

Wenn Würde an "Leistung", "Verhalten" oder "Kränkungsfreiheit" gekoppelt wird, dann fallen diejenigen durch das Netz, die keine Stimme mehr haben oder "unbequem" sind.

  

Gerade Deutschland hat die schrecklichste Lektion darüber gelernt, was passiert, wenn man Leben in "lebenswert" und "lebensunwert" einteilt. Das Grundgesetz ist die direkte Antwort auf diese Barbarei. 

 

Wenn wir anfangen, Würde als Belohnung für '"richtiges" Verhalten" zu betrachten, wie es die Diskussion um Cersei suggeriert, dann bereiten wir den Boden für ein System, in dem wir alle unsere Würde verlieren können, sobald wir alt, krank oder einfach nur "unbequem“ werden. 

 

Würde ist kein Luxusgut für gute Zeiten, sondern ein Schutzschild für die schwächsten Momente. 

 

Güte im System sollte uns schützen, wenn wir alt, schwach und hilflos sind. Gerade dann aber sind wir gefärdet. Es spielt keine Rolle, wie "geistig fitt" wir sind, wenn wir uns in den wichtigen Momenten nicht mehr artikulieren können? Wenn wir auf Hilfe angewiesen sind? 

 

Kaum einer der nicht Gründe hat, sich davor zu fürchten im Alter in ein Heim abgeschoben zu werden. Zu gut kann ich mich noch an die Worte meines wohlhabenden, aber kindelosen Onkels denken, der darunter litt, das obwohl er so viel Geld habe, ihm keine bessere Behandlung zuteilwürde als den anderen Bewohner. Und er war in einem Altenheim, das ich als hochqualitativ einordne. Aber er ging freiwillig in ein Heim. 

 

Aber überlege einmal. Kennst Du keine Fälle von älteren Menschen die ohne ihre Einwilligung in Heime gebracht werden und über Jahre hoffen und glauben sie dürften wieder heim, weil sie dem Heimaufenthalt nicht selbst zustimmten. 

 

Das Problem dabei ist, dass sie alt sind und keine Stimme mehr haben um sich zu wehren. Wer würde noch auf sie hören, sobald sie nicht mehr die volle Macht ihres über ihr eigenes Geld haben, wenn sie lästig werden, oder wenn sie "schwierig" werden. 

 

Wollen wir in solchen Fällen das Maß an Würde danach zu beurteilen, ob dieser alte Mensch wirklich genug leistete, um nun würdevoll behandelt zu werden? 

 

Oder machen wir es an Geld fest, ob jemand das Recht auf Würde hat? 

 

Was, wenn jemand wirklich nachweislich gegen Recht und Völkerrecht verstieß. Darf ich diese Person dann schlecht behandeln oder gar ohne ordentliche Gerichtsverhandlung töten? 

 

Noch etwas geht mir durch den Kopf. 

 

Was gestattet uns, hebt uns so über andere Menschen, dass wir uns erlauben können zu beurteilen, ob andere Würde verdienen? 

 

Und wem steht die Macht zu, uns die Würde abzusprechen und nicht über genug Würdekompeten verfügt, um zu erkennen, dass auch er selbst nur Mensch ist und letztendlich irgendwann im selben Boot sitzen. 

 

Manchmal stecken dahinter alte Rollenbilder die längst nicht mehr tragen. Die Überzeugung, dass Stärke bedeutet keine Gefühle zuzulassen – und dass wer Würde einfordert, schwach ist.

 

Die Psychologie kennt dafür einen Begriff: Entmenschlichung. Die Unfähigkeit zu erkennen, dass andere dieselbe emotionale Tiefe besitzen wie man selbst. Menschen werden dann nicht mehr als Subjekte wahrgenommen – sondern als Mittel, Objekte, Werkzeuge.

 

Das ist weder klassen- noch kulturgebunden. Es kann jeden treffen - und jeden formen. 

 

Wenn wir heute in Business-Diskussionen zulassen, dass Würde als „moralisch verdächtig“ geframed wird, öffnen wir die Tür für die Willkür von morgen. 

 

Wer entscheidet dann, ob ein Demenzkranker oder ein schwerbehinderter Mensch noch „würdig“ genug ist, um nicht gekränkt oder vernachlässigt zu werden? 

 

Wenn Würde zur Verhandlungssache wird, verlieren wir alle unseren Schutzschild für die schwächsten Momente. 

 

Würdekompetenz bedeutet, das Veto so zu setzen, dass die Güte des Gesamtsystems erhalten bleibt. Wenn wir Würde als "moralisch verdächtig" abtun, riskieren wir den Verlust der Güte und riskieren damit den Systemkollaps. 

 

Wie viel Würde wollen wir Menschen zusprechen, die unsere Würde nicht für Wert erachten, ernst genommen zu werden? 

 

Ja. Würde wird manchmal als Keule benutzt. 

Ja, es gibt Menschen die Verletzung instrumentalisieren. 

 

Aber das ist kein Argument gegen Würde. Das ist ein Argument für mehr Würdekompetenz. 

 

Art. 1 GG braucht keine philosophische Verteidigung. Er ist geltendes Recht. 

 

Und er gilt für Cersei. Für den Demenzkranken. Für den unbequemen Alten im Heim. Für jeden der gerade keine Stimme hat. 

 

Wer das "philosophisches Kleingeld" nennt, sollte sich fragen: In wessen Interesse ist es, wenn Würde verhandelbar wird? 

 

Aber wie immer! Glaubt mir nichts!Prüft selbst. Und solltet Ihr nicht meiner Meinung sein, lasst uns darüber sprechen!

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