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UR‑BAUSTEINE - Wie Märchen und Mythen Ethik tarnen, Wissen tragen und Systeme überdauern

Es heißt, Geschichte wird von Siegern geschrieben. Und das stimmt meistens.

 

Was uns in der Schule gelehrt wurde war nicht immer die Wahrheit oder zumindest nicht immer die einzig mögliche Betrachtungsweise.

 

Vieles wurde beschönigt oder weggelassen um den Menschen einen Grund zu geben, an ihre Herrscher zu glauben und für sie zu kämpfen. 

 

Aber das sind nur halbe Wahrheiten, die von Wenigen Vielen erzählt werden, um die Massen zu bändigen. Diese Geschichten verschwinden, wenn die Geschichtenerzähler verschwunden sind.

 

Es gibt aber noch eine andere, viel ältere und geheimnisvollere Art von Geschichten. Jene Geschichten die von Vielen an Viele weitergegeben werden. 

 

Märchen und Mythen als Handlungsempfehlungen, die so tief in einer Kultur verankert sind, dass keine Macht sie verbieten kann. Die Grundlagen unzerstörbarer Ethik einer Zivilisation, die jedes System in sich schützen muss um als Gesamtes weiter zu bestehen. 

 

Jene Geschichten, die nicht nur Propaganda sind, sondern so universell und wichtig für die Gemeinschaften in denen sie erzählt werden, dass sie sich nicht an ein Menschenleben klammern und Namen unwichtig erscheinen lassen. Sie sind so tief in der Gesellschaft der Menschheit verankert, dass wir sie nicht kontrollieren und nicht entfernen können. 

 

Ich spreche von Mythen und Geschichten die es bereits seit Anbeginn der Menschheit gibt, lange bevor es Schrift gab! 

 

Höhlenmalerei als erste Erzählform der Menschheit

 

Überall auf der Erde wo es jemals Menschen gab, findet man ihre Spuren. Weltweit wurden sie gefunden und wer weiß, wo noch Unentdeckte des Gesehenwerdens harren. Europa, Afrika, Australien, Indonesien? 

 

Die älteste datierte Malerei von der man bisher weiß, ist ca. 45.000 Jahre alt und zeigt Handabdrücke und die Darstellung eines haarigen Schweines. Genaugenommen das Bild eines Sulawesi-Warzenschweins in der Leang Tedongnge-Höhle auf der indonesischen Insel Sulawesi. Für mein simples Gemüt scheint die Botschaft klar. "Schaut her, dieses Biest haben wir gefangen..." aber ich habe zum Glück keine Deutungshoheit!

 

Aber dennoch, wenn wir uns diese Höhlenmalereien im Allgemeinen ansehen, so sehen wir auch ohne Deutung, hier geht es darum Informationen an kommende Generationen weiterzugeben. 

 

So ist Höhlenmalerei nicht nur Kunst, sondern Handlungsanweisung: 

 

Höhlen und Felswände werden Gedächtnisräume.

 

Bilder als erste Form von „Wissen, das bleibt“. Immer wenn ich welche sehe, bin ich erschüttert von ihrer rohen, universellen Schönheit. Dann stelle ich mir vor, wie es auf unsere Vorfahren gewirkt haben muss, wenn die Wissenden anhand der Bilder, die sich im Flackern der Flammen bewegten:

 

„So jagst du das Tier.“

 

„So überlebst du den Winter.“

 

„So erkennst du Gefahr.“

 

„So funktioniert unsere Welt.“ 

 

Handlungsanweisungen, nicht nur für Kinder 

 

Betrachtet man es so, so sind Märchen das erste OpenSource‑Ethikprotokolle der Menschheit. Und niemand konnte sie jemals „deinstallieren“.

 

Nicht immer waren sie genehm. Je nach momentanem Moralbegriff und Herrscher wurden sie an die Bedürfnisse und Wünsche angepasst. 

 

Aber Märchen und Mythen wissen sich zu schützen und zu verkleiden. 

 

Betrachten wir es mal genauer. 

 

Oft wird Ethik und Aussage so verschleiert, dass die Bedeutungen nicht sofort erkannt, aber dennoch gefühlt werden können.

 

Weder Könige, noch Kirchen, noch Diktaturen konnten sie zerstören. Nicht einmal der moralisch an die vorgespielte Prüderie angepasste Schliff durch die Gebrüder Grimm konnte ihre Message vollkommen zerstören.

  

Egal wie sehr sie die Geschichten zu reinigen und zu glätten versuchten, behielten die Erzählungen den Kern ihrer Aussagen, teils als Warnung, teils als Wegweiser:

  

Noch immer flüchtet Allerleihrauh vor dem Vater der sie zur Frau nehmen will, oder verführt der böse Wolf die unbedarften Zicklein mit Mehl und einem Stück Kreide. 

 

Aber auch die Geschichte der Königstochter die vor ihrer Stiefmutter zu den Bergarbeitern ins unterste Milieu flieht und mit einer Gruppe "Zwergen" lebt um inkognito zu bleiben, hat wohl einen wahren Kern. 

 

Archaische Märchen: Frau Holle 

 

Wie universell und alt Märchen wirklich sind, können wir nur an den Archaischsten unter ihnen erahnen. Märchen wie "Frau Holle", in der wir einer grausamen aber gerechten Gottheit begegnen die uns lehrt, was eine Gesellschaft von uns Frauen erwartet. 

 

Frau Holle, in meiner Leseart: 

 

"Wenn du blutest, dann gehst Du vom Kind (die unbenutzte frische Spindel aus der bei den Griechen Klotho, bei den Germanen wohl Verdandi den Faden zupft), in den Zustand der Frau. Von nun an hast Pflichten zu übernehmen und Tugenden zu zeigen, um in der Gemeinschaft anerkannt zu werden. 

 

"Du musst gütig, hilfsbereit und fleißig sein. Verantwortung für Dich und Deine Aufgaben übernehmen und hart arbeiten um Dich selbst zu versorgen." 

 

Kein Wunder, dass diese Botschaft tausende von Jahren überdauerte! 

 

Märchen und Mythen sind unkaputtbar, 

 

weil sie keinem Einzelnen gehören und nicht kontrolliert oder zentralisiert werden können. In dem Moment in dem versucht wird, sie an Ideologien anzupassen oder sie zu missbrauchen, verlieren sie ihre Funktion, ihren Reiz und ihren Trost. 

 

Sie passen sich den Völkern und Gruppen an, in denen sie erzählt werden, aber ihre Grundbedeutung bleibt immer die selbe. Selbst wenn es in einem Land der Fuchs, in einem anderem Die Katze ist, die besonders listig ist. 

 

Dadurch das sie in Bildern sprechen, versteht, ähnlich wie bei Shakespeare oder Goethes Faust, nur wer die Bedeutung der Bilder kennt, was gemeint ist. 

 

Aber selbst wenn man nicht genau weiß, ob eine Prinzessin nun blond oder schwarzhaarig ist, das Wesen nun Heinzelmännchen, Kobold oder Brownie heißt, die Geschichten sind weltübergreifend dieselben. 

 

Nur bei den Aborigines tragen sie eine andere, tiefere Bedeutung, 

 

Denn sie weisen uns in die Traumzeit ein. Das ist keine gewöhnliche Geschichte, sondern eine Einheit vieler Mythen, die das geheime Wissen unserer Vorfahren zu Physik und Kosmologie, Ethik, Würde, Demut und Gemeinschaft erzählen. Aber das wird wohl wieder ein anderer Blog. 

 

Als älteste kontinuierliche Erzähltradition bietet der Mythos der Traumzeit Erzählungen, die auf verschlüsselte Weise Erkenntnisse zu Kosmologie, Ethik, Hilfe bei der Navigation durchs Leben und der Identität bieten.

 

Als älteste zusammenhängende Kultur der Welt gelang es Ihnen, trotz eines hohen Preises, über 50.000 Jahre, Liederlinien als Landkarten und Geschichten als Gesetze ohne Zwang, als Wissen im Körper, im Land, im Ritual zu speichern. 

 

Eine bewiesene Wahrheit 

 

Ein König kann ein Gesetz verbieten. Aber er kann nicht verbieten, dass eine Großmutter ihrem Enkel eine Geschichte erzählt. 

 

Welche Folgen dies haben kann, weiß jeder der sich bereits mit Hospitalismus und den grausamen Sozialexperimenten beschäftigte, die Friedrich II., der Stauferkaiser, veranlasst hat. 

 

So haben wir nun festgestellt und an obigen Beispielen gezeigt, Märchen müssen nicht aufgeschrieben werden. 

 

Aber selbst, wenn dies geschieht, so wandeln sie sich in den Erzählungen, fügen sich an, passen sich ein und verbleiben als Anker, als Stütze und Kompass in unseren Erinnerungen.

 

 Was ich an Märchen und Mythen ganz besonders mag ist, dass sie mir Hoffnung geben und meinem Unterbewusstsein Wege eröffnen.

 

Märchen als getarnte Handlungsempfehlungen 

 

Die Metapher für Versorgung 

 

Manche Bilder müssen nicht mehr erklärt werden. Jemand Brot zu geben heißt, zu versorgen. Kinder mit dem letzten Stück Brot in die Wildnis zu schicken, war kein Akt der Grausamkeit, sondern der Not. Wichtiger als das Brot wäre jedoch die Warnung vor Täuschung und der falschen Freundlichkeit gewesen. 

 

Aber genau das erledigt das Märchen für uns. 

 

Es sagt uns, Kinder, haltet zusammen, achtet aufeinander, und wenn jemand zu freundlich scheint und mit Zuckerzeug lockt, so kann es leicht sein, dass genau diese Person Euch versklaven und fressen will.

 

Ob dann nun Baba Jaga, eine krummnasige Percht, oder ein böser Zauberer ist, spielt am Ende keine Rolle mehr 

 

Wenn ich alles beachte, dass mir das Märchen rät:

 

so achte ich darauf, mir immer einen Rückweg zu sichern und kein fremdes Eigentum an mich zu nehmen, und sei es nur ein süßer Dachziegel.

 

Es zeigt uns, dass zu viel Vertrauen am Anfang stets in einen Hinterhalt führen kann, aus dem man nur mit List und Zusammenhalt wieder entweichen kann und dass man am Schluss gemeinsam Verantwortung oder Lohn tragen muss. 

 

Natürlich, aus heutiger Sicht könnte das Märchen anders gelesen werden. 

 

Dann wäre die Kinder Erbschleicher, die einer alten Frau Nahrung und Leben kosten. Aber ehrlich... mir gefällt die andere Version besser. 

 

Auch Hilfe anzunehmen, wird im Märchen gelehrt:

 

Hilfe erfordert Vertrauen. Und Vertrauen muss oft verdient werden. 

 

Marie muss sich bei Frau Holle Verdienen und der Müllerbursche muss dem Müller treuste Dienste leisten um Goldesel und Tischlein-Deck-Dich wieder zurückzuerobern und Schneewittchen vertraut den Zwergen. 

 

Was passiert, wenn wir zu leichtfertig vertrauen, das erfahren wir im Zwerg Nase oder im Hans im Glück, und zugleich, wie wir mit diesen Verlusten umgehen sollten. 

 

Ein ganz großes Thema ist es in den meisten Märchen, Prüfungen bestehen und Mut zu beweisen. 

 

Ob nun der Prinz die Prinzessin rettet oder umgekehrt, das Kind sich der bösen BabaJaga, oder sich Aladin einem Dschinn stellt, stets sind es Gefahren die nur mit List, Selbstvertrauen und Ausdauer zu meistern sind. 

 

Auch was Gier den Menschen und Systemen antut, wird erklärt. Im Märchen "Salzprinzessin" führt die Gier des Königs dazu, dass sich lebensnotwendiges Salz in Gold verwandelt, sobald es die es die Landesgrenze überschreitet.

  

Der König ist reich, doch das Volk vergeht. 

 

Nur durch den Mut Einzelner kann der Fluch gebrochen werden.

 

In anderen Märchen wird der Held durch seine Gier von einem Berggeist bestraft und muss sich vielen Niederschlägen trotzend, wieder Demut erlenen. 

 

All das deutet auf Systemlogik hin. 

 

Wer die Güte der Gemeinschaft überstrapaziert, Ressourcen bindet und die Gemeinschaft schädigt, der zahlt einen Preis. So manch gieriger oder verantwortungsloser König wird vom Thron und des Landes verjagt. Die herzlose Königen wird oft aufs Grausamste bestraft. 

 

Alles in allem finden wir in Märchen Beispiele und Anweisungen zu vielen Lebensfragen. 

 

Oder genauer definiert, es wird uns auf kurzweilige, spannende und ab und zu zauberhafte Weise beigebracht, wie wir unser Ziel erreichen können. Es gibt uns Überlebensstrategien und warnt uns vor Fehlern und Leichtgläubigkeit. 

 

Märchen transportieren Würde als Kern menschlicher Handlung und vermittelt Ethik als Bild, nicht als Befehl. 

 

Doch nicht nur Märchen speichern das Wissen, das nicht schriftlich erhalten werden muss, weil es Teil und Grundlage des Systems ist.

 

Es gibt Erzählungen und Überlieferungen, die nicht tiefer, noch weitreichender in das kollektive Wissen verankert sind. Aber darüber mehr im nächsten Blog.

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