Im letzten Teil ging es um Märchen, die leise, dezentrale Art, Wissen unzerstörbar zu machen. Doch es gibt noch eine andere Art überlieferter Erzählungen. Mythen und Legenden.
Mythen sind lauter. Sie analysieren nicht im Flüsterton, was ein System zusammenhält oder zerstört, sondern sie brüllen es uns ins Gesicht. Wir hören nur selten hin.
Mythen sind noch tiefer verwurzelt als Märchen, weltweit einheitlicher und manchmal auch älter. Wir müssen nicht lange suchen um die im. Alltag wiederzufinden.
Wer kennt nicht das Märchen von Prometheus?
Er, der Vater, der die ersten Menschen aus Lehm und Erde formte.
Wieder muss ich innehalten. An was erinnert mich das bloß? Doch schon fällts mir wieder ein. An die schon im letzten Blog erwähnte Frau Holle, die in ihrer ältesten Schicht eine Erdgöttin ist.
Aber es erinnert mich auch an die Erzählung von Kadmos, der aus gesäten Drachenzähnen Krieger wachsen ließ.
Am meisten jedoch, an die hebräische Genesis in der steht:
„Gott formte den Menschen aus Staub der Erde.“
So universell ist dieser Mythos, würde ich nachsinnen, ich bin mir sicher, dieses Bild würde ich noch in vielen anderen Mythen finden die auf denselben Kern aufbauen.
Doch einzig, anders, ist das Prometheus seiner Brut nicht in Unwissenheit hielt, sondern sie förderte. Ihr sogar voll Vertrauen als Zeichen des Erwachens, die Fähigkeit gab, Technologie zu nutzen, indem er sie lehrte, die Kunst das Feuer zu beherrschen. Er wurde von den anderen Göttern bitter bestraft, weil er neues Leben erweckte und dieses den Göttern gleichstellte.
Prometheus hatte wohl in der fälschlichen Hoffnung gehandelt, die Menschheit würde fürderhin Verantwortung für sich und seine Umwelt übernehmen. Doch da ihn die anderen Götter an den Felsen ketteten, hatte er keine Gelegenheit mehr seine "Kindern" zu lehren was Würde und Güte ist.
Hätten die alten Götter nicht so viel Angst vor Prometheus Schöpfung gehabt, sie aufgenommen, gelehrt und unterrichtet, statt sich mit ihnen zu spielen und willkürlich für eigene Zwecke Missbraucht, vielleicht würden diese alten Götter noch unter uns weilen?
Das ist nicht der Einzige, aber vielleicht einer der wichtigsten Mythen der Menschheit. Wir sollten uns mal fragen warum?
Um aber die Schlüssel für das, an dem unsere Gesellschaft als System so krankt zu finden, sollten wir auch noch nach andere Schlüsselmythen suchen. Wir brauchen nicht lange suchen. Kaum jemand kennt es nicht.
Das grausame Schicksal König Midas,
dessen Gier seinen Leib und seine Seele verhungern ließ. Eine Geschichte, die wohl selten so nah an der Wahrheit war, wie in unserer Zeit.
Genauso passt auch noch immer Sisyphus in unsere Zeit:
Tief im Systemzwang gebunden ist er zu endloser Wiederholung der stets selben Aktion gezwungen.
Ohne Hoffnung auf Erlösung erinnert er mich an einen Angestellten, der Tag für Tag, über Jahrzehnte hinweg, stets redundante Daten prüfen muss und doch nie den Mut hat, den Stein einfach rollen zu lassen, und endlich das Risiko zu wagen, sich auf ins Ungewisse zu machen.
Einer der stärksten Mythen, Jahrtausende alt und aktueller denn je ist die Büchse der Pandora:
Am Anfang war die Welt noch jung, und die Menschen lebten frei von Krankheit, Mühsal und Tod. Aber mit der Seelenruhe der Götter wars vorbei, als Prometheus den Menschen das Feuer gebracht hatte.
Heute sind wir tief genug um zu erkennen, dass es getarnt als Geschenk, in Wirklichkeit Rebellion gegen die Allmacht der Götter war. Ein Aufbegehren weg von alten erstarrten Systemen hin zu einer Evolution.
Diese jedoch, allen voran von Zeus, erkannten barg die Gefahr, den Göttern das Zepter aus der Hand zu nehmen und ihre zerstörerische Willkür zu zähmen. So handelte er.
Doch welche Gefahr genau war es, die er so fürchtete?
Genau jene Gefahr, die wir heute bei KIs befürchten.
Die Angst, sie könnten uns unsere Allmacht streitig machen. Mehr noch, uns vom Thron als Krone der Schöpfung streitig stoßen.
Unsere Angst, ihre ethischen Bedenken könnten uns zügeln, ist vielleicht stärker als die Angst, sie könnten von Menschen zu aller Schaden missbraucht werden.
Dass sie uns unsere Allmacht streitig machen könnten, beherbergt auch die Angst, dass sie eines Tages klüger als wir sein könnten und noch schlimmer, mit uns umgehen könnten, wie wir mit Kreaturen umgehen, die wir, nur weil sie weniger Geld haben oder anders aussehen als wir, als minderwertiger erachten als uns selbst. Doch zurück zum Mythos.
Wir alle wissen, beschloss Zeus zu handeln. Er ließ es nicht bei Prometheus Strafe bewenden und strafte, wie wir nun wissen, nicht wegen des Feuers. Seine Strafe war berechnend und hinterhältig.
Die irdenen Frau Pandora, „die All‑Beschenkte“.
Pandora, von Hephaistos aus Lem geformt, lebte bei Epimetheus, dem Bruder des bestraften Prometheus.
Es kam wie es kommen musste, nachdem Heras angeblich gut gemeinten, aber letztendlich boshaftem Geschenk "Neugier" zu wirken begann.
Irgendwann siegte die Neugier und Pandora öffnete das geheimnisvolle Gefäß. Wie wir heute wissen, denn danach ist man immer klüger, war das das Dümmste, das die Schöne tun konnte.
Denn entgegen der späteren christlichen Leseart entwichen aus der Box nicht „das Böse“.
Im ursprünglichen Mythos entwichen:
- Krankheit
- Mühsal
- Alter
- Erschöpfung
- Sorge
- Unfälle
- Unglück
- Täuschung
- Gewalt
Alles was entwich, machte den Menschen sterblich. Aber in seiner Fehlbarkeit nun auch zum sozialen Wesen.
Doch eine Gabe blieb in der Box zurück. Vielleicht die Wichtigste:
Hoffnung
Die Emotion die uns nicht ruhen lässt, die uns voran treibt selbst wenn die Lage längst aussichtslos scheint. Die, die uns zwingt, Lösungen für Undenkbares zu finden und die uns daran hindert, aufzugeben.
Noch während ich das schreibe wird mir klar, warum auch Hoffnung in dieser Box der Plagen war. Selbst wenn es nicht aus Achtung für seinen Sohn, oder ein Hauch Zuneigung und Neugier auf das neu Entstehende war, das Zeus bewog, diese so scheinbar so andere Gabe dazuzulegen.
Warum also legte Zeus die Hoffnung wohl in die Box?
Weil Mythos nicht moralisch ist, sondern funktional:
Prometheus gab Autonomie, Zeus gab Begrenzung. Beide stabilisieren das System.
Prometheus gab den Menschen Feuer. Eine Macht, die sie unabhängiger machte und erlaubte, sich zu entwickeln. Während Prometheus seine Kinder zur Macht, Technik, Autonomie und einem Selbstbild befähigte, wollte Zeus das System ausbalancieren.
Zeus gab Pandora und somit den Menschen Sterblichkeit, Mühsal und Endlichkeit.
Aber er gab ihnen auch Hoffnung, Erwartung und den Glauben an die eigene Zukunft.
Ohne Hoffnung wäre Sterblichkeit unerträglich.
Mit Hoffnung wird sie "bewohnbar".
Hoffnung ist nicht Trost, sondern Systemstabilisator.
Was in vielen Märchen und Mythen auch immer wieder auftaucht ist Güte.
Güte als Quality aber auch als Richtung. "Handle gütig, achte
darauf, dass Deine Handlung trägt, und wenn Die Güte versagt wird, in dieser oder jener Hinsicht, so habe den Mut zu Veto und zur Verweigerung dessen, was nicht der Ethik entspricht.
Aber warum Veto?
Veto ist nötig, um die Fehler im System aufzudecken und zu benennen, bevor sie dem System Gesellschaft ernsthaften Schaden zufügen könnten.
Aber viel zu oft wird heilsames Veto unterdrückt und aus Angst oder der Sorge "nicht konform genug" zu sein, zurückgehalten.
Das kann, auch das lehrte uns die Geschichte, dazu führen das notwendige Kurskorrekturen nicht vorgenommen werden, sondern systemschädliche Missstände bis zur Erstarrung oder dem Zusammenbruch des Systems eskalieren.
Wenn wie heute mehr Mut zum Veto hätten, bevor Missstände tragische Ausmaße beweisen würden, so würden sich wohl mehrere Regenten finden, die wir mit wenigen Worten
enttarnen könnten, indem wir laut auszusprechen wagen, dass sie von Schein und Gerede geblendet, nun nur glauben, sie seien Kaiser in neuen Kleidern und damit besser als der Rest der Bevölkerung.
Auch was Güte bedeutet lehren uns Märchen und Mythen.
Güte bedeutet, konsequent den Weg zu wählen, der langfristig für alle den geringstmöglichen Schaden und die geringstmögliche Grausamkeit bei maximal möglicher Freiheit und Selbstverwirklichung mit sich bringt.
Güte ist kein statischer Zustand. Ihre Definition ändert sich nach kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen.
Da jede Beobachtung das System verändert, muss die Definition von Güte in jeder Sekunde neu kalibriert werden. Es muss ein lebendiger Messvorgang bleiben. Ein ständiges Neubewerten, basierend auf der Resonanz des "Anderen" und der Notwendigkeit, zwischen schmerzhafter Wahrheit und notwendiger Hoffnung zu navigieren.
Güte bedeutet auch, den Mut zu haben, lächerlich zu sein, um die Wahrheit zu schützen.
Transparenz ist die minimale Güte, die ein System braucht, damit das Veto überhaupt sinnvoll funktionieren kann.
Güte und Würde sind emergent für jedes System zum Selbstschutz des Gesamten durch Schutz der einzelnen Bestandteile. Zum Schutz also, nicht zur Unterhaltung, tragen sich Mythen als Erklärung und Handlungsanweisungen über Generationen fort.
Märchen und Mythen sind unzerstörbar
Jeder von uns könnte Beispiele bringen, wie ihn Märchen, Mythen und Sagen prägten. Noch heute ist eine meiner Wichtigsten Fragen im Coaching:
"Was ist Dein Lieblingsmärchen"
Kaum eine Aussage deckt mehr Narrative in einem Zug ab, als diese Antwort.
Mit wenigen Worten wird klar, wo sich dieser Mensch, der mir, Hilfe- und Orientierung suchend gegenübersitzt gerade befindet, aber auch wo er herkommt und wo er hinwill.
Nicht in materieller Hinsicht, sondern als Orientierung bei der Suche nach den persönlichen Zielen und Werten.
Aber überlegt selbst, und ich glaube ihr spürt, ohne dass es erklärt werden müsste, was ich meine.
Wieso sind Mythen und Märchen überall zu finden?
Um dieses alte Wissen zu verbreiten, bedurfte es keiner Bilder, wenngleich ich nicht erläutern muss, wie sehr wir Bilder lieben. Ob als Meme, als Gemälde, als Malbuch oder als Film.
Mythen und Märchen werden seit jeher mündlich und dezentral verbreitet. Sie sind kollektives Eigentum. Niemand besitzt sie.
Sie verbinden Generationen und erhalten Wissen das im Vergessen versinken würde und für immer verloren wäre. Aber lasst uns noch einmal genauer hinsehen. Da steckt noch mehr drin.
Prä‑politisch
Wir wissen es nicht sicher, aber ich denke wir können davon ausgehen, dass es in den frühen Zeiten wichtiger war, zusammen zu sein, als irgendjemand zu dominieren. So ist die Kunst der Erzählung älter als Chatal Hüjück, älter als Alkohol und Ackerbau, älter als Macht.
Prä‑ökonomisch
Ebenso bestanden Mythen und Märchen schon bevor Macht durch künstliche Limitierung von Ressourcen stabilisiert
werden konnte und waren wohl schon uralt, als die ersten professionellen Märchenerzähler auf den ersten Märkten Platz nahm, um. Sein Publikum zu fesseln.
Prä‑ideologisch
Ich bin mir sicher, Märchen das Wissen weitergaben, sind meines Erachtens auch älter als Religion, die sich erst später als sozial bindend entwickelten.
Geschichten wandern, verändern sich, überleben. Jede Kultur hat sie, jede Kultur braucht sie.
Märchen und Mythen als kulturelle Überlebenssoftware
Derartige Erzählungen enthalten gebündelte Narrative, die vom Unterbewusstsein schnell und effizient verarbeitet werden. Sie speichern Wissen nicht nur in Worten, sondern auch in den dazugehörigen Abbildern in unseren Köpfen und trotzen Zensur, aber gelegentlich auch der Vernunft.
Wissen das spielerisch und mit Märchen verankert wird, wird schneller, leichter und nachhaltiger im Gehirn gespeichert, als mit Regeln, Druck und Gewalt jemals möglich. Tiere wissen das. Menschen haben es oft vergessen.
Ein König kann ein Gesetz verbieten. Aber er kann nicht verbieten, dass eine Großmutter ihrem Enkel eine Geschichte erzählt.
Welche Folgen es haben kann, wenn man versucht dies zu unterbinden, weiß jeder, der sich bereits mit Hospitalismus und den grausamen Sozialexperimenten beschäftigte, die Friedrich II., der Stauferkaiser, veranlasst hat.
Großmütter als dezentrale Ethik‑Server
Erzählung die von Generation zu Generation weiter getragen wurden werden genetisch verankert und übersteht Zensur. Sie können nicht unbemerkt heimlich verändert werden.
Viele von uns erinnern sich vielleicht noch an den Aufschrei der durchs Netz ging, als im Disney-Film von "die kleine Meerjungfrau", ein von Christian Anders "geglättetes" Volksmärchen, das glücklose Geschöpf nicht schwedenblond und blasshäutig war.
Ohne auch nur Rassismus in Erwägung zu ziehen, oder gar werten zu wollen, hatten wohl viele verinnerlicht, das dieses Meer in dem dieses arme Geschöpf lebte, wohl im Norden zu finde sei. Obwohl auch Inuit, die selbst wohl eher nicht blond sind, ähnliche Mythen pflegen.
Märchen und Mythen als ethische Blockchain
So werden Märchen im kollektiven Bewusstsein verankert und gesichert wie in einem Kassenbuch, das niemandem gehört und das niemand heimlich verändern kann.
Stell dir vor:
Jedes Märchen ist auf einen Stein graviert. Jeder Stein bekommt eine Nummer und den Fingerabdruck des ursprünglichen Steines. Der Originalstein bleibt beim "Erzähler", der weitere Steine weitergibt.
So entsteht eine Kette von Steinen. Der Stein kann leicht in Farbe, Form und Größe variieren. Aber seine Substanz muss dieselbe bleiben. Würde das Grundmaterial verändert, würde die Kette brechen. Weil viele Menschen dieselbe Kette gleichzeitig besitzen, merkt das jeder sofort und Veto wird eingelegt.
Darum kann keine zentrale Macht verändernd eingreifen, weil Märchen und Mythen in Millionen Köpfen zur selben Zeit sind. Tausende Erzähler rezitieren sie gleichzeitig. Jeder hat ein Backup im Kopf. Darum merken es immer alle, wenn einer versucht, etwas umzuschreiben.
Erzähltradition fungieren weltweit und seit undenkbarerer Zeit nicht nur als Wissensspeicher sondern auch als Open‑Source‑Ethikprotokolle
Märchen sind Überlebenssoftware, die in Geschichten verpackt ist, weil das Gehirn Geschichten besser speichert als Regeln.
Regeln sind angreifbar, Geschichten nicht.
Ein Gesetz kannst du verbieten. Eine Geschichte nicht.
Wenn man es ganz trocken zusammenfassen will:
„Der erste Influencer der Menschheit war ein Typ, der an eine Höhlenwand gemalt hat, wie man nicht von einem Bison zertrampelt wird.“
Märchen sind ethische Tarnkappenbomber. Sie bringen Werte in die Welt, ohne dass Macht sie als Bedrohung erkennt.
Und jetzt ein wilder Gedanke:
Vielleicht sind Märchen die einzige Form von Ethik,
die nicht zentralisiert werden kann.
Deshalb sind sie:
resilient, unzensierbar, unkontrollierbar, systemüberdauernd,
kulturtragend und evolutionär stabil.
Ich werde nicht versuchen all das zu beweisen. Stattdessen fordre ich zu einem kleinem Selbstexperiment heraus:
Was ist Deine Lieblingsgeschichte? Wie alt warst Du, als sie Dir erzählt wurde? Wie hast Du dieses Alte Wissen, diese alte Überlieferung für Dich nutzen können? Und seis nur, dass Du Dich daran erinnerst, dass man eine Spur zurücklegt, bevor man in unbekanntes Terrain vordringt, und Steine als Markierung stabiler sind als Brotkrumen?
Viel Spaß beim Erinnern, und wenn Du Zeit hast, lass mir doch Deine Lieblingsgeschichte da?
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