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Zukünftige Architektur als gelebte Lösung gegen die Folgen des Klimawandels - Teil 1

 Kürzlich hörte ich mir ein akademisches Panel der University of Sussex zum Thema Klimagerechtigkeit an (EXPeditions Base Camp – How do we live with Climate Change? Conversation with Neil Adger) und stellte fest: ob England oder Deutschland, die Problematik ist dieselbe, und die Verständigungsprobleme zwischen akademischen Kreisen und den Menschen auf der Straße auch. 

 

Ich hörte dieses Panel in der Hoffnung auf konkrete Lösungen. Statt fertiger Antworten fand ich vor allem gute Fragen. Genau diese Fragen brachten mich dazu, in Geschichte, Architektur und gelebter Erfahrung nach Beispielen zu suchen. 

 

In dem Panel wurde bemerkt, dass versucht wird das Problem an Regierungen heranzutragen. So sehr ich diesen Ansatz begrüße und als wünschenswerten Fortschritt sehe,  so sehr bezweifle ich, dass sich die große Aufgabe so lösen lassen wird. 

 

Politik bleibt wichtig. Aber sie entfaltet ihre größte Wirkung dort, wo sie auf lokale Erfahrung, Eigenverantwortung und Gemeinschaft trifft. 

 

Nach eingehender Beschäftigung mit geschichtlichen und soziologischen Vergleichsfällen komme ich zu einem vielleicht unorthodoxen Schluss.

 

Wir dürfen nicht erwarten, dass Regierungen alle Probleme lösen.

 

Nicht nur, weil auch Politiker die wissenschaftlichen Formulierungen nicht immer folgen können, oder ihnen andere Probleme vorrangiger scheinen, sondern auch weil hinter jedem Beamten ein Mensch steht der sich einzeln von der Aufgabe überfordert fühlen kann. (Genau wie jeder andere Mensch auch, wenn das Problem größer ist als die verfügbaren Werkzeuge.)

 

Darum werde ich wieder einmal einen Gedanken auf meine Art aufgreifen und vertiefen.

 

Ich glaube, dass es besser ist, diese Fragen nicht von oben herab zu behandeln. Wir alle wissen, Politik ist träge und reagiert nur zögerlich, selbst wenn akute schnelle Hilfe gebraucht wird.

 

Mein Lösungsvorschlag verfolgt einen anderen Ansatz: 

 

Darum ist mein Vorschlag, Hilfe zur Selbsthilfe und das Stärken des lokalen Gemeinschaftssinnes, weil Gemeinschaft keine Vorschrift braucht, um zu funktionieren.

  

Da ich weiß dass Bürger sich durch eine Vielzahl von Auflagen und Vorschriften die nicht transparent und einfach verständlich erklärt werden, leicht gegängelt, übergangen und überfordert fühlen, möchte ich anhand eines Beispiels zeigen, dass es auch anders geht. 

 

Mein Vorschlag: Hilfe zur Selbsthilfe und stärken des lokalen Gemeinschaftssinnes. 

 

Das hört sich nun etwas verwegen an. Aber die Wirkung ist seit Jahrhunderten belegt.

 

Seit einigen Jahren wird immer wieder von Katastrophen und Überschwemmungen in den östlichen Bundesländern Deutschlands berichtet. Für die Bewohner ist es nicht nur tragisch, sondern sie fühlen sich verloren und zurecht im Stich gelassen. 

 

Wie soll man damit umgehen, wenn man hört, wie über Nacht das Wasser steigt und das Heim bedroht oder gar zerstört zu werden droht? 

 

Ich möchte mir das so garnicht vorstellen müssen. Aber das heißt nicht, das ich es garnicht nachvollziehen kann.

 

Ich weiß, wenn man Bayern hört, denkt man an Lederhosen, Oktoberfest und Masskrug. Aber schon immer war das Voralpenland vor allem ein hartes Lebensumfeld.

 

Natürlich hat die Klimaerwärmung für uns Vorteile. Nur noch sehr selten gibt es, wie noch zu meiner Schulzeit, meterhohen Schnee. Und auch um Lawinenabgänge zu erleben müsste ich wohl eine gute Stunde fahren. Aber eine Bedrohung besteht noch immer auch in meiner Nähe. 

 

Einige der Flüsse die sich durch meine schöne Heimat ziehen, allen voran der der Fluss Inn, und die ohnehin wilde Salzach, die Isar und die Alz, gebärden sich in Frühjahr und Sommer wie wildgewordene Drachen, deren Bestreben es ist, Menschen an ihre Grenzen zu gemahnen.

 

Darum sind die Menschen die entlang dieser Flüsse wohnen, emotional, technisch und aus Erfahrung gegen die Pein, die eine Überschwemmung mit sich bringt, ganz anders gewappnet. 

 

Besonders deutlich wird das am Beispiel Passau. 

 

In dieser uralten Stadt, die schon lange vor den Römern von Kelten bewohnt war, münden drei Flüsse ineinander. 

 

Die Donau, zu diesem Zeitpunkt bereits mächtig und breit, trifft hier auf den Inn, der bereits die wilde Salzach, auch ein von Schmelzwasser gespeister Bergfluss, in sich aufgenommen hat und dadurch an dieser Stelle mehr Wasser führt als die Donau selbst.

 

Diese beiden Mächtigen treffen hier auch mit der dunklen, schwermütigen Ilz zusammen und erst durch diese Allianz wird hier die Donau zum mächtigem, nützlichem aber auch gefährlichem, zerstörerischem Strom. 

 

Der höchste dokumentierte Hochwasserstand in Passau war 1501 mit etwa 13,2 Metern. Die Altstadt stand komplett unter Wasser, nur der Dom St. Stephan ragte heraus. Die Stadt war damals zehn Tage lang eine Insel. 

 

Aber auch wenn dieser dramatische Hochstand seither nicht mehr eintrat, so sind 1954: 12,2 Meter und 2013: 12,89 Meter, der Beleg, dass die Gefahr latent besteht.  (Das diese Hochwasser auch heute noch kein Spass sind, könnt ihr Euch selbst auf dem beigefügtem YouTube-Link anschauen. https://www.youtube.com/watch?v=XNjztxC0S7o.) 

 

Wer schon einmal Hochwasser live beobachten konnte, der weiß, da wird Dir schon von weiter Angst. Da hebt der Urinstinkt das Nackenhaar. 

 

Das vielleicht einzig Schöne an der Sache: 

 

Am Rathausturm in Passau sind alle historischen Höchststände als Markierungen sichtbar. Das ist kollektives Gedächtnis in Stein gemeißelt. Genau das, was ich mit  "Gemeinschaft und Erfahrung" meine. 

 

Da das gefährdende Ereignis keine Besonderheit, sondern eine jährlich wiederkehrende Gefahr ist, haben die Passauer, wie es der bayerischen Mentalität entspricht, pragmatische Lösungen gefunden.

  

Was Passau macht ... 

 

Bisher war der Ansatz fast ausschließlich passiver Schutz und Wiederherstellung. 

 

"Ausweichen nach oben" ist eine der Maßnahmen. In den Untergeschossen der Altstadt, oft Verkaufsflächen oder Garagenräume, sind die Räume oft bis zur Decke gefliest. In Einzelgebäude sind wie auch im weiter entfernten Burghausen, Dammbalken vor Türen eine Selbstverständlichkeit.

 

Ebenso ist bereits traditionell die Versorgung mit Sandsäcken gesichert, und dass jeder im Sinne des Selbstschutzes mit Hand anlegt ist auch selbstverständlich. Das gilt auch nachher, bei den Aufräumarbeiten. Denn wird der zähe Schlamm nicht zeitig entsorgt und weggespült, wird er hart wie Beton. Auch hier ist Eile geboten. 

 

Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass viele der regelmäßig betroffenen Häuser bereits viele hundert Jahre alt sind.

 

Sie haben nicht nur Hochwasser, sondern 1662, zu einem Zeitpunkt als die Stadt schon alt war, auch einen verheerenden Stadtbrand überlebt. Trotzdem stehen sie noch.

 

Das ist kollektive Resilienz über Jahrhunderte, nicht als Theorie, sondern als Stein und Mörtel. 

 

Schönheit vor Schutz:

  

Bis 2013 gab es noch nicht einmal großen Schutzwände, weil das historische Stadtbild geschützt werden sollte. 

 

... und was Passau nicht macht: 

 

Erst nach 2013 kam Bewegung in die Sache und es wurde Hochwasserschutzwände und mobile Elemente für einzelne Stadtteile als präventive Schutzmaßnahme besorgt. Aber ab dann passierte etwas, das wie ich finde, geradezu vorbildlich ist: 

 

Drei Ebenen, die zusammenwirken: 

 

Planung und Bau der Schutzmasßahmen: 

 

Der Freistaat Bayern, vertreten durch das Wasserwirtschaftsamt Deggendorf, plant und baut die großen zentralen Schutzmaßnahmen. 

 

Vorhabensträger, also die eigentliche Bauherrschaft: Die Stadt Passau

 

erarbeitet und finanziert die Förderrichtlinien für den dezentralen Hochwasserschutz, also das Förderprogramm für einzelne Hauseigentümer.

 

Zuletzt 2024 überarbeitet und (auch wieder typisch bairisch pragmatisch), finanziert aus nicht abgerufenen Spendengeldern vom Hochwasser 2024.

  

Der einzelne Bürger/Hauseigentümer

 

werden gesetzlich zur eigenen Vorsorge verpflichtet und kann Fördergelder beantragen, die er dann auch in absehbarer Zeit erhält. (Auch die Ämter kennen Ihre Aufgaben.) 

 

Alle drei müssen ihren Teil beitragen, keiner kann es allein. 

 

Der Staat selbst sagt: Es gibt keinen 100% Schutz.

 

Also bleibt die Eigenverantwortung nicht optional, sondern strukturell notwendig und gibt dem Bürger damit auch den Mut und den Selbstwert, eigenständig notwendige Maßnahmen auszuführen, auch neue Ideen einfließen zu lassen und Erfahrung untereinander weiter zu geben. 

 

Hier wird also im Rahmen des Hochwasserschutzes Infos zur Selbsthilfe für einzelne Bürger und Betriebe angeboten. 

 

Schutzziel:

 

Schutz vor einem 100-jährlichen Hochwasser plus 15% Klimazuschlag. (Wer es noch genauer wissen möcht, kann sich direkt die allgemeine Hochwasserseite der Stadt mit allen Dokumenten selbst anschauen: https://www.passau.de/bauen-umwelt/umwelt-klimaschutz/hochwasser/). 

 

Wohlwissend, dass es keinen 100-prozentigen Schutz vor Hochwasser geben kann." (Landkreis Passau) bekennt die Stadt selbst, (nicht nur offiziell wechselnde Vertreter):

  

Hochwasser ist ein Naturereignis. Hier ist kein kein vollständiger Schutz möglich. 

 

Sie haben erkannt, dass es gerade darum notwendig ist, mit der Natur und ihren Gegebenheiten zu leben und sie miteinbeziehen. Damit das möglich ist, bleibt Gemeinschaft und Selbsthilfe nicht Ergänzung, sondern Notwendigkeit. 

 

Aber all das wirft, wie so oft, neue Fragen und Gedanken auf. 

 

Die Menschen, die tief sozial und kulturell in ihrer Heimat verankert sind und die Häuser, selbst die historische Höllgasse haben nicht nur Hochwasser und Stadtbrand überlebt, sondern sie sind selbst eine Antwort auf die Frage, wie Bauen das mit dem nächsten Jahrtausend rechnet, aussehen muss. 

 

Diese Antworten für die Welt der Zukunft existieren bereits, wenn auch, verteilt über Kulturen und Jahrhunderte, nie zusammengeführt. 

 

Gelingt es, zu erkennen und zu nutzen, was unsere Vorfahren durch Erleben und Erfahrung erdachten, dann werden wir Lösungen finden, die es den Menschen in den verschiedensten Landstrichen ermöglichen, auch unter veränderten Klimabedingungen ein würdiges und lebenswertes Leben zu führen. 

 

Doch das führt uns zu einer wichtigen Frage: 

 

Was wussten die Menschen früher über klimaangepasstes Bauen und warum haben wir es vergessen? 

 

Die Lösungen sind nicht neu! 

 

Sie stehen nur noch nicht im selben Raum. Darum geht es im nächsten Blog. 

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